Schlohtuig, Kammradseilerbahn oder auch „Geschirr“

Für die Seilerei des späten Mittelalters / frühe Neuzeit verfüge ich über ein Schlohtuig, eine frühes, einfaches Kammradgeschirr .

Wie alt die Verwendung von Seilereigeräten mit Getriebe, auch „Geschirr“ genannt, ist, lässt sich leider nur schwer datieren. Die ersten hölzernen Zahnradgetriebe wurden bereits für verschiedene andere Zwecke in der Antike angewandt. ( z.B. römische Wassermühlen aus dem 2Jh. in Barbegal, Frankreich)

In den Städten im Binnenland des ausgehenden Mittelalters und des 16. Jahrhunderts kamen diese Geräte bereits viel früher als an der Küste zum Einsatz.

Ältester eindeutiger bildlicher Beleg für das Zahnradgetriebe bei einer Seilerbahn ist eine Abbildung aus dem Werk „Machinae Novae“ des Italienischen Technikers und Erfinders Fausto Veranzio, aus dem Jahre 1595. Dort treibt dort ein großes Zahnrad 4 kleinere Zahnräder, verbunden mit Seilerhaken eines größeren Seilergeschirrs mittels eines Pedalantriebes an.

Quelle: Seite 68 in Niederdeutsche Studien, Band 16 von Jürgen Eichhoff 1968: „Die Sprache des niederdeutschen Reepschlägerhandwerkes“

Mein Seilereigeschirr mit Kammradgetriebe fällt hier indes wesentlich simpler und leichter aus. Das Seilereigerät ist komplett aus Holz gefertigt. Seine drei „Kammräder“ werden über eine Kurbel am zentralen Antriebsrad des Holzgetriebes bewegt und drei Holzhaken schlagen die aufgeketteten Stränge zu dem entstehenden Seil.

Die einzigen Metallbestandteile des Geschirrs sind 2 Metallbänder um den Holzblock des zentralen Antriebszahnrades. Das hölzerne Getriebe ist auf einem Brett verkeilt, welches wiederum auf einem fahrbaren, hölzernen Schlitten steht, welcher zur Arbeit fest verankert wird.

Auf der gegenüberliegenden Seite am Ende der Seilerbahn steht ein „Nachschlitten“, welcher im Gegensatz zum Geschirr bei der Arbeit nicht fixiert  wird, sondern beweglich ist. Auch auf diesen beweglichen Schlitten ist eine Kurbel montiert, für die nötige Spannung der Stränge wird dieser Schlitten mit Steinen beschwert.

Damit die Kabelgarne sich nicht beim Schlagen verfilzen, kommt die „Lehre“, auch „Leitholt“ „Nuss“ oder „Nut“ (westfälisch) oder das „Höövt“ (platt) zum Einsatz. Dies ist ein kegelförmiger Holzklotz, mit 3-4 tiefen Rillen.

Mit der Lehre lässt sich auch über die Führungsgeschwindigkeit die Härte des Seiles variieren, je nach anschließenden Verwendungszweck. Mit dieser Technik lassen sich Seile bis ca. 3,0 cm Stärke herstellen.

Erst im 16. –17. Jahrhundert tauchen dann auch an der Küste, im Gegensatz zum Binnenland, in der Seilersprache die ersten Belege für die mechanische Seilerbahn mit der Übernahme des Hochdeutschen Wortes „Geschirr“  in die Fachsprache der dort tätigen Reepschläger auf. Im Gegensatz zu der einfacheren, von mir noch später aufgeführten „Warbel“ wurde das „Geschirr“  damals nur für dünnere  und mittlere Seile verwandt.

Die Reepschläger nannten diese Geräte „Trossengeschirr“ oder „Stranggeschirr“. Trosse bedeutet in der Seemannssprache „Mittelstarkes Seil“, Strang bedeutet „kurzes Seil“.

Fast unverändert bis in die Industrialisierung wurde das Geschirr in der Seilerei für die Landwirtschaft und Fischerei benutzt.

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