Über die vorgeschichtlichen Seilereitechniken bis zum spätmittelalterlichen Seilereigerät und der Handwerkskunst der Reepschlägerei

Natürlich kann ich ein so umfangreiches Kapitel wie die Seilerei, welches eigene Berufsstände hatte und immer noch hat, nur oberflächlich anschneiden. Gerade in diesem Bereich freue ich mich über jede weiterführende Information über Seilerei in der Fischerei, denn als Fischer habe ich stets einen großen Bedarf an für Seilen, Leinen, Garnen Schnüren etc.

Deswegen beschäftige ich mich mit auch mit der Herstellung von Seilen mittels der unterschiedlichen Materialien und Techniken, die in den von mir gezeigten Zeiten angewandt wurden. Auch die Konservierung von Netzen, Garnen, Leinen und Seilen mittels nachweisbarer und überlieferte Techniken ist Teil meiner Arbeit in der Fischereitechnik.

Für Seile kamen oft die gleichen Materialien wie für die Netzherstellung zum Einsatz, zum Beispiel Lindenbast, Flachswerg, Weidenrinde, Hanf oder Brennnessel, aber auch für die heutigen Vorstellungen exotische Materialien wie Frauenhaarmoos (Information von der Archäobotanikerin Hildegard van´ t Hull).

Etwas skeptisch stehe ich der Nennung von Eichenbast als Rohstoff für Schnüre, Leinen und Seile gegenüber. Meine Versuche  mit Eichenbast blieben bisher erfolglos, gleich ob mit frischen oder eingeweichten Material.

Während die Römer Seile aus Hanf, Flachswerg und Spartgras verwendeten, war Lindenbast von der Steinzeit bis ins Mittelalter in Mitteleuropa meist das Material der ersten Wahl.

Für die Fertigung selbst starker Seile mit bis zu 4cm Stärke wurde Lindenbast nachgewiesen. Natürlich kann auch ich als Fischer mir Seile aus Lindenbast anfertigen, für an dieser Technik interessierte Leute möchte ich hier aber einen Besuch im Roskilde Wikingerschiffsmuseum empfehlen. Dort arbeitet der, meiner Ansicht nach derzeit beste Fachmann für Lindenbastseile, Herr Ole Magnussen, welcher die besten, mit der Hand gedrehten Seile anfertigt.

In der Vorgeschichte gab es aber vermulich auch einfache Hilfsmittel zur Seilherstellung, so  wurde beispielsweise die eisenzeitliche Technik der Seilherstellung mittels Webbrettchen erwogen.  Die Herstellung von Seilen mit dieser Technik wird  in der Hallstattzeit vermutet.

Apropos Brettchentechnik, für diese Technik ist Frau Silvia Crumbach vom Verein „Projekte zur lebendigen Geschichte e.V.“ die beste Ansprechpartnerin die ich kenne.

Ich experimentiere derzeit mit der römischen Seilerspindel, deren Anwendung auf einem römischen Grabrelief aus der römischen Hafenstadt Ostia zu sehen ist. Diese Seilerspindel, welche im Prinzip einer zeitgenössischen gewöhnlichen römischen Handspindel in überdimensionierter Form gleicht, ist das einzige, mir bekannte überlieferte Seilerreigerät des antiken Roms.

Zunächst wird aus einem Faserbündel eine Schur gedreht, diese wird dann gezwirnt und anschließend lässt sich über die gleichzeitige Arbeit mit 3 Spindeln, welche drei gezwirnte Schnüre gegeneinander zusammendrehen , ein einfaches Seil herstellen. Im Prinzip ähnelt diese Technik schon der Herstellung dreisträngigen Seile mit der Warbel.

Über Seilererbahnen, welche den späteren Reeperbahnen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Hansestädte ähneln, ist mir aus der Römerzeit nichts bekannt. Wenn ich mir die Größe der römischen Seeschiffe, deren Bedarf an schweren Tauwerk und deren Flottenstärke einerseits, das zum Bau von mehrstöckigen Gebäuden, Aquädukten oder auch nur zum Betrieb der Hafenkräne benötigte schwere Tauwerk andererseits vorstelle, muss es doch auch zu dieser Zeit noch andere Techniken als die Seilerspindel gegeben haben.

Vielleicht liege ich ja auch völlig falsch und diese Spindel diente auch nur der Herstellung von Garnen für die Seilerei mit schwererem Gerät, welches nicht überliefert ist.

Selbst tierische Materialien wurden in der Vorgeschichte bis zur Neuzeit zur Seilerei verwendet. So fanden sich in der Völkerwanderungszeit Seile aus Pferdeschweifhaar und langfloriger Wolle. Pferdeschweifhaar fand sogar bis zur Einführung der Synthetikfaser noch Verwendung als Material zur Herstellung von Fischernetzunterleinen.

Ich habe für meine Sammlung ein solcherart gefertigtes Stellnetz zum Stintfang aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts vom Ältermann meiner Fischerzunft, Herrn Harald Ross, geschenkt bekommen.

Seilerspindeln mit asymetrischen Schwungarm zum Schlagen von 2- strängiger Netzunterleinen, einfachen Leinen , Schnüren und dünnen Seilen aus Flachswerggarn, Hanfgarn und Pferdehaar

Eine interessante Anregung erhielt ich im Herbst 1996 von einer niederländischen Archäologin. Sie zeigte mir eine Technik, welche sie zur Herstellung von einfachen Wollschnüren und Leinen ausprobiert hatte. Im Experiment hatte man, so erzählte sie mir, hatte man im Experiment mit dieser Technik gute Erfahrungen in der Herstellung Stricke und einfache Seile für den Bedarf eines eisenzeitlichen Hofes gesammelt.

Grundlage war ein fragmentarischer, späteisenzeitlicher Fund eines gelochten Brettes mit durchgesteckten Holzstab.

Ihre Idee, ob sich diese Technik sich nicht auch für meine Netzleinen eignen würde, gab mir die Anregung, ein solches Gerät in schwererer Form anzufertigen, um mir damit die bis Ober- und Unterleinen zu meinen Fischernetzen zu drehen.

Hierzu rotiert der Schwungarm um den runden Stab, der mit beiden Händen geschlagen wird. Durch die Löcher werden die Garnstränge gefädelt, die dann über entgegengesetztes Drehen im Uhrzeigersinn mit zweien dieser Leinenschläger durch zwei Personen zu einem Strang zusammengedreht werden. Durch das halbieren der Stränge, welche dann wie beim Kordeln entgegen dem Uhrzeigersinn zu einer 2- kardeeligen Leine verdreht werden, entsteht die fertige Leine.

Soll statt dessen ein dreikardeeliges Seil entstehen, werden erst 3 einzelne Stränge zu den späteren Kardeelen gedreht. Diese Stränge gleicher Länge und gleicher Spannung werden dicht nebeneinander an Pflöcken befestigt.

Das Zusammendrehen (Schlagen) dieser Stränge zu einem Seil erfolgt unter Zuhilfenahme einer Astgabel.

Diese wurde auch volkskundlich neben dem in der Antike erstmals nachgewiesenen Leitholzes (Seilerlehre) verwendet. Das Leitholz trennt die einzelnen Stränge, um diese beim zusammendrehen geordnet zu halten.

Ich gehe davon aus , das diese Technik in der Landwirtschaft und Fischerei der Eisenzeit eine mögliche gebräuchliche Technik war, um den hohen Bedarf an einfachen Leinen und dünnen Seilen zu decken. Es gibt meines Wissens keine vergleichbaren Mittel oder nordeuropäischen Fund aus dem Frühmittelalter oder Mittelalter.

Lediglich aus der Volkskunde und aus dem ethnologischen Vergleich gibt es in der Fischerei und Landwirtschaft ähnliche Geräte zur Herstellung dünner Leinen. Isländische Fischer fertigten mit einer ähnlichen Technik noch im 20 Jh. ihre Unterleinen für die Stellnetzfischerei aus Pferdeschweifhaar. 2-kardeelige Leinen sind besonders für Fischernetze als Unterleinen aufgrund ihrer Weichheit und Drallfreiheit bestens für die Herstellung von Netzunterleinen geeignet

Eduard Krause erwähnt 1904 in seinem Werk vorgeschichtliche Fischereigeräte und neuere Vergleichsstücke auch die Verwendung der asymmetrischen Seilerspindel (Abb. 593) mit Schwungarm

Die Seilherstellung mit Seilerspindeln ist jedoch für die Herstellung von Schiffstauwerk nicht geeignet. Seilwerk in der Schifffahrt sollte entsprechend Fest und Dehnungsstabil sein.

Umso ärgerlicher stimmt es mich, wenn auf Mittelaltermärkten Leute mit dieser Technik als "mittelalterliche Reepschläger“ auftreten , schließlich waren die „Reepschläger“ im Mittelalter und der Neuzeit auf Schiffsseilwerk spezialisierte Handwerker mit völlig anderen Werkzeug (siehe Reepschlägerei).

Schiffstauwerk der Wikingerzeit

Für die Herstellung der dafür benötigten stärkeren und dehnungsstabileren Seile wurde aber vor allen im vorgeschichtlichen   Norden  im Frühmittelalter wohl weiter zumeist der Lindenbast mit der Hand zu Seilen gedreht, welche auch im archäologischen Befund auftauchen. Für Hanfseile kenne ich übrigens keinen einzigen archäologischen Befund im frühmittelalterlichen Skandinavien.

Baumbastseile in der Wikingerzeitlichen Siedlung Haithabu konnten ein Durchmesser von bis zu 7cm haben. (Abbildung im Maßstab 1:1 Bericht über die Ausgrabungen in Haithabu, Seite 78,Wachholtz Verlag 1977)

Brennnesselseile bei den Rus

Seile könnten auch auf eine andere Technik mittels des Verschlagens gesponnenen Garnes mit 3 hölzerner Astgabeln zu einem  dünnen 3- kardeeligen Seil gedreht worden sein. Ich vermute, das diese einfache Art der Seilherstellung mit Astgabeln eine mehrerer Möglichkeiten war. Das dazu verwendete Gerät lässt sich im Fundgut kaum als Seilerwerkzeug erkennen.

Die Leiterin des Wikingermuseums Haithabu, Frau Drews, machte mich auf diese Technik aufmerksam. Ich baute eine solche Seilerei aus Astgabeln  für das Museum nach. Möglicherweise wurden damit auch die von Jordanes im 10 Jahrhundert beschriebenen Nessel - Seile der Rus hergestellt.

Seilherstellung mittels Lochbrettern auf historischen Veranstaltungen

Seit 1996 zeigte ich die Verwendung von den abgebildeten einfachen Seilerspindeln aus gelochten Holzbrettern, welche um einen Rundholzstab rotieren. Diese verwende ich vor allen zur Herstellung 2-kardeeliger Leinen und ggf. einfacher, 3-kardeeliger Seile auf historischen Veranstaltungen. Hier ist mir die Anmerkung wichtig, das diese Technik zwar gut funktioniert, der archäologische Nachweis der dazu verwendeten Geräte aber sehr dürftig ist und auf fragmentarischen Funden aus der Eisenzeit (Frankreich) sowie auf einer einelnen bronzezeitlichen ägyptischen Abbildung beruht. In wieweit die Verwendung dieser Technik der Seilherstellung ggf. auch in Mittel -oder Nordeuropa erfolgte, kann ich aufgrund der fehlenden Nachweise nicht belegen.  Zudem gab es ja zeitgleich auch noch einige andere Techniken der Seilherstellung. Interessant ist jedoch, das diese Technik noch Ende 19.Jh / Anfang 20.Jh. regional in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, am Niederrhein und in den Niederlanden von Fischern verwendet wurde.

Faszinierend ist, das die dabei verwendeten Geräte den bronzezeitlichen ägyptischen Seilerspindeln ähneln!

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